13 Okt

#322 Podcast: Wie du Hass in Mitgefühl transformierst – Interview Special mit Dr. Edith Eger

Welche Geschichte erzählst du dir über dich?

** Das Interview ist auf Englisch. Die deutsche Übersetzung findest du weiter unten oder auf YouTube als Untertitel. **

Mein heutiger Interviewgast ist wirklich ein ganz besonderer Gast und eine Frau, die ich schon seit Jahren unbedingt mal im Podcast interviewen wollte. Dr. Edith Eger ist heute 94 Jahre alt und teilt seit vielen Jahren ihre Geschichte vom Überleben des Holocaust und ihrer Gefangenschaft in Auschwitz. Als Psychologin und Traumaexpertin hilft sie traumatisierten Menschen, wieder ihre innere Freiheit zu erlangen.

Im Interview sprechen wir darüber, wie wir lernen können, sogar die schlimmsten Erfahrungen zu vergeben und wie wir Liebe anstatt Hass wählen. Dr. Edith Eger erzählt, warum es so wichtig ist, sich nicht als Opfer zu sehen und sich auch nicht mit der eigenen Geschichte zu identifizieren. Sie schenkt Hoffnung und teilt mit uns ihre Erfahrungen, warum es sich lohnt niemals aufzugeben.

Sie ist ein so inspirierendes Vorbild und ich bin so unendlich dankbar dieses berührende Gespräch heute mit dir teilen zu können. Viel Freude beim Anhören!

Im Interview mit Dr. Edith Eger erfährst du…

  • wie du es schaffst, traumatische Erfahrungen in etwas Kraftvolles zu verwandeln,
  • was es bedeutet, bewusst die Opferrolle zu verlassen und zu vergeben,
  • warum du nicht deine Vergangenheit bist,
  • wie du voller Hoffnung eine bessere Zukunft gestalten kannst und
  • was du tun kannst, um liebevoller zu dir selbst zu sein.
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Akkordeon Inhalt

Laura:
Ich freue mich so sehr über die wundervolle Dr. Edith Eger im heutigen Podcast. Ich habe dir bereits vorhin gesagt, ich habe mir schon immer gewünscht mit dir eine Folge aufzunehmen. Vielen Dank für deine Zeit.

Dr. Edith Eger:
Ich bin sehr froh darüber, dass du dich für jemanden engagierst, der nicht du selbst bist. Du bist ein wundervolles Vorbild für alle überall auf der Welt.

Laura:
Danke dir. Der Grund dafür, dass du mich so sehr inspiriert hast, ist selbstverständlich deine Geschichte. Vor allem, die Tatsache, dass du es geschafft hast, diese schreckliche Erfahrung, die du im Leben gemacht hast, in etwas so Kraftvolles zu verwandeln. Du hast für dich ein Leben voller Fülle und Freude erschaffen. Ich glaube, dass das… Ich kenne keine inspirierendere und kraftvollere Geschichte, daher möchte ich sehr gerne darüber sprechen. Darüber, wie du sie verändert und dieses wundervolle Leben erschaffen hast. Wenn du einverstanden bist, dann könnten wir zurückgehen… Oder vielleicht… Wo würdest du deine Geschichte beginnen, wenn du sie erzählen würdest?

Dr. Edith Eger:
Nun… Es wäre vermutlich gut, wenn ich meine Geschichte damit beginne, dass ich eine Geschichte habe, aber nicht meine Geschichte bin. Ich bin keine Auschwitz-Überlebende. Ich bin ein Mensch, der eine Erfahrung durchgemacht hat, aber ich lebe dort nicht. Ich habe mich dort nicht eingerichtet. Ich weigere mich, ein Opfer zu sein. Das bin nicht ich, sondern das, was mir angetan wurde. Ein Opfer findet immer den Täter. Und ein Opfer wird immer als schwach angesehen. Daher passiert es oft, dass Opfer zu Tätern werden.

Laura:
Ja.

Dr. Edith Eger:
Ich habe mit Menschen gearbeitet, die den Holocaust überlebt haben. Sie haben ihre Kinder als Hitler beschimpft, und noch viele andere bedauerliche Namen als Strafe verwendet. Daher ist es sehr wichtig, dass wir nachdenken, bevor wir etwas sagen. Um abzuwägen, ob das wirklich wichtig ist, oder ob es etwas Nettes ist. Es ist wichtig, freundlich zu sein. Du kannst dir vorstellen… Ich wurde in eine Familie hineingeboren, in der meine Eltern zwei schöne Töchter hatten. Meine Eltern wollten einen Sohn und da kam ich. Mein Mutter sagte mir: „Ich bin froh, dass du ein Gehirn hast, denn es fehlt dir an Aussehen.“ Daher bitte ich die Menschen heute, dass sie diese Botschaft mitnehmen, denn ich bin mir sicher, dass meine Mutter mich nicht verletzen wollte. Und das hat sie. Ich wurde dadurch als Teenager sehr lernbegierig, und das hat mir sehr dabei geholfen, heute mit 94 hier zu sein als Dr. Edith Eva Eger. Ich hatte ein sehr großes Verlangen nach einer Beziehung mit einer erwachsenen Person. Als ich meine Kinder gebar, vermisste ich meine Mutter. Ich vermisse meine Mutter immer noch sehr, denn ich musste sehr schnell erwachsen werden. Daher frage ich andere oft, wann endete deine Kindheit? Denn manche Kinder müssen sich um ihre Eltern kümmern. Vielleicht leidet die Mutter an Migräne, oder der Vater trinkt zu viel.
Ich glaube, dass man Covid dafür nutzen kann, um eine gründliche innere Inventur durchzuführen, um zu sehen, wo man sich jetzt befindet. Die Frage, die man sich stellt, ist nicht: „Warum ich?“, sondern: „Was jetzt?“

Laura:
Du hast bereits viele wichtige Dinge angesprochen. Du hast mit den Worten angefangen, dass du eine Geschichte hast, aber nicht deine Geschichte bist. Das ist eine sehr kraftvolle Aussage, denn so viele Menschen identifizieren sich durch ihre Vergangenheit. Mit dem, was ihnen widerfahren ist: Ich bin das, was ich erfahren habe.

Dr. Edith Eger:
Es geht darum, was ich daraus mache.

Laura:
Könnten wir tiefer darauf eingehen? Du hast Auschwitz überlebt. Das ist eine der schrecklichsten Erfahrungen, die man machen kann.

Dr. Edith Eger:
Das ist ein Wunder.

Laura:
Das ist ein Wunder. Wie hast du es geschafft, dass diese Vergangenheit, dich nicht zu einem Opfer gemacht hat, sondern zum Schöpfer deines Lebens? Wie hast du diese Kraft gefunden und wie hast du deine Einstellung verändert, deine Gefühle in deinem Herzen?

Dr. Edith Eger:
Wenn ich mir Auschwitz anschaue, verwende ich das Wort „Möglichkeit“. Es ist meine Möglichkeit herauszufinden, ob ich diese Menschen hassen oder für sie beten sollte, und dass ich dadurch das Gefühl des Hasses in Mitgefühl und Fürsorge umwandeln kann, und sogar in ein Gefühl von Mitleid für die Wächter. Weil ihnen das Gehirn gewaschen wurde. Sie sagten mir täglich, dass ich dort niemals lebend herauskomme. Aber wir werden nicht geboren, um zu hassen. Wir werden nicht geboren, um Menschen zu hassen und sie zu verurteilen. Das lernen wir. Das, was wir lernen, können wir verlernen. Daher sehe ich Auschwitz als meine Ausbildung, die mir zeigte, wie ich Hass in Mitleid umwandeln kann.

Laura:
Das ist sehr kraftvoll. Denn viele Menschen verbleiben im Hass. Sie geben ihn weiter und verletzen Menschen in ihren Leben. Verletzte Menschen verletzen Menschen. Ich frage mich, wie du das, was dir angetan wurde, vergeben konntest? Ist das während einer Meditation geschehen? Hast du darüber nachgesinnt? Ich möchte das gerne etwas Praktischer machen, für alle, die zuhören. Wie können wir so vergeben, dass es auch auf einer emotionalen Ebene vergeben ist?

Dr. Edith Eger:
Das Wort „Vergebung“ hat für mich nichts damit zu tun, dass ich dir etwas vergebe, das du mir angetan hast. Für mich bedeutet Vergebung, dass ich ein Leben ohne Hass leben möchte. Denn wenn ich noch hassen würde, dann wäre ich immer noch eine Gefangene. Es geht also nicht darum, dass ich ein sehr guter Mensch bin, es geht darum, dass ich frei sein will. Und nicht in der Vergangenheit leben will. Denn wenn ich heute hassen würde, dann wäre ich immer noch eine Gefangene. Ich bin egoistisch. Ich will frei sein. Ich will Freude, Leidenschaft und Wiener Schnitzel. Ich esse gerne, wie du siehst. Ich werfe nämlich nie etwas weg. Ich nehme auch das Essen aus dem Restaurant mit, ich sehe was der andere isst und esse mit. Ich mag keine Verschwendung.

Ich hatte auch einen wundervollen Ballettmeister, der mir beigebracht hat, dass die Ekstase im Leben immer von innen nach außen kommen muss. Damals verstand ich das Wort Ekstase nicht. Als ich in Auschwitz war, begriff ich, dass ich das Außen nicht verändern kann. Ich konnte in jeder Minute in der Gaskammer landen. Aber meinen Spirit konnten sie mir nicht nehmen. Sieh mal… Er gehörte mir und meinen Spirit hätten sie niemals töten können. Ich wiederholte immer: „Wenn ich hier raus bin… Wenn ich hier rauskomme…“

Ich hatte nämlich einen Freund. Verstehst du… Er hat mir gesagt, dass ich schöne Augen hatte. Und auch schöne Hände. Ich sagte also immer: „Sprich über meine Augen und meine Hände. Denn wenn ich heute überlebe, werde ich morgen…“ Morgen wurde zu einem wunderbaren Freund von mir. „Denn morgen werde ich meinen Freund wiedersehen und ihm meine Augen und meine Hände zeigen.“

Laura:
Das ist so schön. Vor allem wenn du sagst, dass dein Spirit unantastbar ist. Dass niemand deinen Spirit töten kann. Dass du es als deine Stärke behalten wirst. Dass ganz egal, was im Außen passiert, du diese innere Stärke hast.

Dr. Edith Eger:
Ich möchte noch etwas erwähnen, was mir geholfen hat, zu überleben. Das eine war, als ich mir selbst die Frage stellte: „Weiß jemand, dass ich hier bin?“ Ich fühlte mich verstoßen, als hätte ich etwas falsch gemacht. Doch… Meine Mutter sagte zu mir, als wir im Viehtransporter saßen: „Wir wissen nicht, was passiert. Ich weiß nicht, wohin wir gehen oder was dort passieren wird. Aber vergiss nicht, dass dir niemand das wegnehmen kann, was du in deinen Kopf hineingibst. Das sage ich auch zu jungen Menschen: „Geh zur Schule. Rauche kein Hasch. Mach keinen Blödsinn mit deinem Gehirn.“ Das predige ich ein wenig. Man muss wissen, dass man das erschafft, was man denkt. Es ist gut, über das eigene Denken nachzudenken. Ich habe keine Zeit für Hass. Wenn ich heute immer noch hassen würde, dann wäre ich immer noch eine Gefangene. Es geht also nicht darum, dass ich dir verzeihe. Ich habe keine göttlichen Kräfte.

Laura:
Das ist schön. Erinnerst du dich an den Tag, an dem dir klar wurde, dass du frei bist? Als du aus Auschwitz herauskamst, erinnerst du dich an den Tag, an dem du erkanntest: „Ich habe überlebt“?

Dr. Edith Eger:
Ich stand gerade in der Schlange an, um ein Tattoo zu bekommen. Aber ich habe keins bekommen. Es gab viele ungarische Juden, die keine Nummer bekommen haben. Also fragte ich: „Warum gebt ihr mir keine Nummer?“ Sie sagten, dass sie die Tinte nicht für mich verschwenden wollten. Kurz danach schaute ich nach meiner Schwester. Sie schlief im Bett mir gegenüber. Ich wusste, dass sie bei mir bleiben musste. Wir mussten die Entscheidungen sehr schnell treffen. Ich habe also einige Räder geschlagen, um den Wächtern aufzufallen, und so wurden wir auf den Zug geladen, der Munition für Nazis transportierte. Ich bin nicht in Auschwitz freigekommen, ich bin in Gunskirchen freigekommen, in Österreich. In der Nähe von Linz und Wels.

So bin ich in Mauthausen gelandet, und in Mauthausen habe ich den Todesmarsch überlebt. Weil wenn… Ich habe diesen Ort wiederbesucht, ich habe alle Orte besucht, an denen ich war, auch Auschwitz. Wenn man anhielt, dann wurde man erschossen und in einen Graben geworfen. Die Mädchen, mit denen ich mein Brot geteilt habe… Dr. Mengele hat mir ein Brot gegeben, nachdem ich für ihn getanzt habe. Sie haben gesehen, dass ich langsamer wurde, und haben mich gestützt, damit ich nicht sterbe. Die schlechtesten Bedingungen holen das Beste raus. Ich habe diese Erfahrung mit diesen Mädchen gemacht. Anstatt das Brot, das Dr. Mengele mir gab, aufzuessen, habe ich das Brot unter uns aufgeteilt. Damals hatten wir nur uns. Und heute haben wir nur uns.

Die größte jüdische Bevölkerungsgruppe der Welt lebt heute in Deutschland. Dort sieht man die Namen der Menschen, die vorher in diesen Häusern gelebt haben. Die Deutschen verleugnen nicht, was passieren kann, wenn gute Menschen Schlechtes tun. Sehr schlechte Dinge. Denn die „Endlösung“… wurde von 15 hochgebildeten Personen aufgesetzt. Darin wird diskutiert, dass man 30.000 Juden in den Ofen werfen kann, ohne sie zu vergasen. Das wird als die „Endlösung“ von Eichmann bezeichnet. Das waren hochgebildete Menschen. Wenn du dir die Geschichte anschaust, dann waren das keine wunderbaren Durchschnittsmenschen. Es waren hochgebildete Menschen, die zelebrierten, dass eine wissenschaftliche und systematische Vernichtung von Menschen möglich war. Das ist mit nichts zu vergleichen, denn Genozide finden leider immer noch statt.

Laura:
Ja.

Dr. Edith Eger:
Ja. Du und ich sitzen hier heute und sprechen darüber. Ich könnte deine Oma oder Uroma sein. Ich bin sehr froh, in dein schönes Gesicht zu sehen.
Laura:
Ich danke dir. Ich bin sehr froh, in dein schönes Gesicht zu sehen. Und dir zuzuhören. Das ist wirklich schön. Als du in Österreich befreit wurdest und verstanden hast: „Ich habe überlebt.“ Was hattest du für ein Gefühl? Konntest du das begreifen? Ich möchte kurz zu diesem Moment mit dir zurückgehen, als du begriffen hast, dass du diesen Albtraum überlebt hast.

Dr. Edith Eger:
Ich wurde mal von Oprah interviewt. Ich erzählte, dass ich unter den Toten lag. Und dann habe ich meine Hand bewegt. Ich habe hochgeschaut und sah eine große Lippe. Davor habe ich nie einen schwarzen Mann gesehen. Sie fragte: „War er Schwarz?“ Und ich nickte. Ich sah seine Lippe und dann die Tränen in seinen Augen und M&M’s in seiner Hand. Heutzutage werden mir oft M&M’s geschenkt. Auch mit meinem Namen drauf. Ich wünschte, ich könnte diesen jungen Mann treffen, der mich unter den Toten gesehen hat, wie sich meine Hand bewegt hat. Das war eine unglaubliche Erfahrung.

Als ich 1949 nach Amerika zog, arbeitete ich in einer Fabrik. Ich musste sehr schnell Arbeit finden. Mein Mann kam nämlich mit einer Tuberkulose ins Krankenhaus und ich war die Brotbringerin. Dort bin ich dann aufs WC gegangen und auf einer Tür stand „schwarz“. Und da erkannte ich, dass es auch in Amerika Vorurteile gibt. Das kommt von „vor-urteilen“. Ich bin also immer auf das WC für Schwarze gegangen. Ich bin auch zu den Treffen mit der Schwarzen Bevölkerung gegangen. Und im Jahr 1963 sang ich „We Shall Overcome“ und wurde von Martin Luther King umarmt. Im Jahre 1963 marschierte ich gemeinsam mit Martin Luther King. Liebe ist nicht das, was du fühlst, sondern was du machst. Diese Wörter mögen so billig klingen. Doch du engagierst dich dafür, dass die Geschichte am Leben bleibt. Denn wir wollen alles tun, was in unserer Macht steht, damit das nie wieder passiert.

Laura:
Ja. Würdest du sagen, dass… Du hast gesagt, dass du schon damals wusstest, dass dir niemand deinen Spirit wegnehmen kann. Dass dein Spirit unantastbar ist und dir gehört. Würdest du sagen, du warst schon damals ein spiritueller Mensch? Oder war es etwas, das ganz natürlich für dich war?

Dr. Edith Eger:
Ich war ein einsames Mädchen. Ich war sehr schüchtern. Ich glaube, es wäre wichtig zu erwähnen, dass ich eher Beobachterin war als Teilnehmerin. Ich glaube, dass mich das für Auschwitz vorbereitet hat. Ich war in der Lage, mich zu kümmern. Ich konnte mit meiner Schwester das Brot teilen, das ich noch vom Vorabend hatte. Denn sie wog viel mehr als ich. Sie litt viel mehr an Hunger als ich. In Auschwitz konnte man wirklich sehen, wer das schafft, das durchmacht und überlebt. Ich konnte es den Menschen ansehen. Ich erinnere mich an eine Freundin aus Jugoslawien. Sie liebte ihr Land und ich liebte Ungarn, mein Land. Sie sagte mir, dass wir an Weihnachten freikommen würden. Weißt du was passiert ist? Weihnachtstage kamen und gingen, und dann starb sie. Es ist also wichtig… Manche wurden absolut hilflos. Die anderen absolut grandios. Sie retteten die Welt. Es ist gut, realistisch zu sein. Anstatt idealistisch zu sein.
Laura:
Was würdest du sagen, ist… Denn dein neuestes Buch heißt „Das Geschenk“. Das ist ein wundervolles Buch. Was würdest du sagen, war der wertvollste Anteil deiner Seele, der durch diese Erfahrung hervorkam?

Dr. Edith Eger:
Ja… Ich glaube, es geht darum, was passiert, wenn dir alles weggenommen wird. Das, was meine Mutter zu mir im Viehtransporter sagte. Denn genau das war uns gerade passiert. Alles. Wir standen da in unserer Nacktheit. Uns wurde alles genommen. Alles, was materiell war. Übrigens muss ich dir erzählen, dass meine Schwester Magda die Schönste von allen war. Sie ist 100 Jahre alt. Und sie sagt, dass sie 99 ist. Das machen ungarische Frauen. Ich möchte dir außerdem erzählen, was sie mich gefragt hat, als wir dort in unserer Nacktheit standen: „Wie sehe ich aus?“ Wie sehe ich aus?

Ich hatte damals eine Wahl, genau wie wir heute eine Wahl haben. Denn entweder fokussiert man sich darauf, was man verloren hat, oder darauf, das noch da ist. Ich erinnere mich, als ich erkannte, dass ich zu Magdas Spiegel wurde. Ich sagte zu ihr: „Magda, du hast so schöne Augen. Das ist mir früher mit all deinen Haaren gar nicht aufgefallen.“

Laura:
Das ist so schön.

Dr. Edith Eger:
Ja. Das ist freundlich und nötig. Manche Dinge, sind es nicht wert, ausgesprochen zu werden, weil das nicht freundlich ist. Daher sage ich: Sag nicht „Ja, aber“, sag „Ja, und“. Gib mir ein „Aber“, ich gebe dir ein „Und“. Ja, und… du bist schön und einzigartig… du bist brillant, ich kenne niemanden, der so ist, wie du. Und das stimmt. Selbstliebe und Selbstfürsorge ist nichts Narzisstisches. Das sagen wir hier.

Laura:
Das ist die Wahrheit.

Dr. Edith Eger:
Das ist nichts Narzisstisches. Liebe dich selbst. Steh morgens auf und sag: Ich liebe mich. Das tut gut.

Laura:
Man sieht an dir, dass das funktioniert. Du siehst aus, wie das Leben selbst.

Dr. Edith Eger:
Ja. Und Hoffnung.

Laura:
Das möchte ich dich auch fragen. Wenn wir uns die heutige Welt anschauen, verlieren gerade viele Menschen die Hoffnung. Die Lage ist schwierig, es passiert sehr viel, immer und immer wieder, die Geschichte wiederholt sich. Manchmal ist es so schwierig, die Hoffnung nicht zu verlieren. Immer noch daran zu glauben, was noch kommen wird. Welche Botschaft hast du an meine Generation, an die jüngere Generation? Wie können wir sichergehen, dass wir eine bessere Zukunft, eine weisere Zukunft erschaffen? Dass wir aus der Geschichte lernen? Dass wir bewusster, freundlicher und liebevoller werden? Was können wir im Alltag tun, um diese Zukunft für uns alle zu erschaffen?

Dr. Edith Eger:
Schau dir einfach Martin Luther King an. Man gibt niemals auf. Man gibt die Hoffnung niemals auf. Ich habe nie die Hoffnung aufgegeben. Ich sagte zu mir selbst: „Es ist temporär und ich kann es überleben.“ Es ist wichtig zu wissen, dass man das erschafft, was man denkt. Wenn du zu dir selbst sagst: „Ich mag das nicht, das kommt ungelegen.“ UND statt ABER. UND, das ist temporär, UND, ich kann es überleben. Achte darauf, worauf du achtest. Und denke über dein Denken nach. Schau darauf, was ich gerne als Pfeil bezeichne. Du hast ein Ziel, du hast einen Pfeil. Ich war vor Kurzem auf einer wundervollen Konferenz in Arizona. Die Berge dort sind so schön. Dort erkannte ich, dass es im Leben darum geht, einen Berg zu besteigen. Man rutscht aus und klettert weiter. Ich habe nie aufgehört zu klettern. Ich bin immer noch nicht angekommen, ich bin immer noch dabei. „Ja, und“, statt „Ja, aber“. Darauf sollte man sich konzentrieren. Das ist sehr wichtig. Achte darauf, wohin dein Fokus geht. Das muss in Einklang mit deinem Ziel sein. Das bezeichne ich gerne als Pfeil, dem man folgt. Es ist gut, ein Ziel zu haben, zu wissen, dass man weitergeht. Meiner Tochter bezeichnet das als „Ideismus“, wenn man nicht das wiederholt, was man weiterentwickelt.

Laura:
Schön, das gefällt mir.

Dr. Edith Eger:
Ich sehe es als eine Art Schmetterling. Man durchlebt alle Altersstufen und Etappen. Bis man die Schmetterlingspuppe ablegt. Man ist nicht mehr darauf angewiesen, von allen gemocht und akzeptiert zu werden. Man legt auch das Wort „Ablehnung“ ab. Niemand lehnt dich ab, außer dir. Ich achte sehr auf meine Selbstgespräche.

Laura:
Für alle, die gerade zuhören, die diese Stimme im Kopf wahrnehmen, die sie fertig macht und sagt: „Du bist nicht gut genug. Du bist nicht liebenswert.“ Womit beginnt man, um liebevolle Selbstgespräche zu führen? Was wäre der erste Schritt?

Dr. Edith Eger:
Du solltest wirklich darauf achten, wie du mit dir selbst sprichst, weil das deine gesamte Körperchemie verändert. Du brauchst nur das kleine Wörtchen „Ja, und…“, statt „Ja, aber…“ Wenn man sich selbst kritisiert, dann sagt man sich ständig, dass man nicht gut genug wäre. Du bist gut genug. Du bist einzigartig. Es gab niemals jemanden wie dich. So wirst du zu deinem eigenen Fan, der dir sagen wird: „Ja, ich bin. Ja, ich kann. Ja, ich werde.“ Anstatt: „Das mag ich nicht. Das will ich nicht.“ Es ist nicht gut, gegen etwas zu sein, es ist besser, für etwas zu sein. Liebe erobert alles.

Laura:
Danke dir.

Dr. Edith Eger:
Du musst darüber hinwegkommen, was du hasst. Denn du bist nicht mit Hass auf die Welt gekommen. Du wurdest nicht mit Vorurteilen geboren. Das erlernst du.

Laura:
Deswegen kann man es auch verlernen. Ich habe eine letzte Frage, die ich allen meinen Podcastgästen stelle. Stell dir vor, du bist weit über Hundert geworden. Du hast noch sehr viele Jahre vor dir. Eines Tages wird der letzte Tag deines Lebens kommen. Ich würde zu dir kommen und dir sagen: Dr. Edith Eger, es tut mir so leid. Alles, was du je getan hast, wurde gelöscht. Deine Bücher sind nicht mehr da, all deine Interviews wurden gelöscht. Doch ich habe hier ein Blatt Papier und einen Stift. Auf diesem Blatt kannst du drei deiner Weisheiten aufschreiben. Wenn sonst nichts von dir bliebe, was würdest du der Welt auf diesem Blatt hinterlassen? Welche drei Weisheiten würdest du für die Nachwelt aufschreiben?

Dr. Edith Eger:
Ich feiere das, was ich der Welt gegeben habe. Und nicht das, was ich von der Welt bekommen kann. Ich bin sehr glücklich in meinem Sterbebett, weil ich weiß, dass ich alles getan habe, was in meiner Kraft steht, damit das, was ich erlebt habe, nie wieder passiert. Ich bin glücklich, weil ich in der Gegenwart lebte und jung geblieben bin. Während ich sterbe, feiere ich diese beiden Dinge: Das Leben in der Gegenwart und die Verwandlung von Hass in Mitleid. Die Liebe erobert alles.

Laura:
Ich danke dir so sehr.

Dr. Edith Eger:
Ich danke dir. Ich hoffe, dass ich dich eines Tages treffen und fest umarmen werde. Und dass du ein Wiener Schnitzel für mich bereit hältst.

Laura:
Ich sende dir all meine Liebe und Segen. Ich möchte dir von ganzem Herzen meine Anerkennung aussprechen, für alles, was du uns gegeben und beigebracht hast, durch alles, was du tust. Das ist nämlich so wichtig und so inspirierend. Ich danke dir so sehr und ich hoffe wirklich, dass ich dich, wenn ich das nächste Mal in den Staaten bin, persönlich treffen, mit dir sprechen, und mehr von dir lernen kann. Ich danke dir so sehr. Pass auf dich auf.

Dr. Edith Eger:
Danke dir.

Du hast immer einen Einfluss darauf, was du in deiner inneren passieren lässt.

Gerade in den letzten 1,5 Jahren haben wir erkannt, dass wir zwar nicht immer einen Einfluss darauf haben, was uns im Leben passiert, aber dass wir immer entscheiden können, wie wir damit umgehen. Es sind also nicht die Umstände, sondern deine Perspektive auf dich selbst, deine Erfahrungen und auf deine Zukunft, die wegweisend sind.

Es ist wichtig zu wissen, dass man das erschafft, was man denkt.
Dr. Edith Eger

Darum ist es immer wieder und gerade jetzt im Herbst und zum Jahresende unglaublich wichtig, dass wir in unsere Mitte kommen und immer wieder für uns reflektieren. Schau mal, ob du all die Fülle und Wunder der letzten Monate wahrnehmen und wofür du dankbar sein kannst.

Ganz egal, was im Außen passiert, du hast diese innere Stärke.
Dr. Edith Eger

Überprüfe dann für dich, welche Vorwürfe und welchen Ballast du noch loslassen kannst, die dich noch beschweren. Vor allen Dingen in Krisenzeiten ist es wichtig, dass wir uns nicht von Angst, Wut, Ohnmacht und Drama lenken lassen und uns stattdessen auf das fokussieren, worauf wir einen Einfluss haben.

Vergiss nicht, dass dir niemand das wegnehmen kann, was du in deinen Kopf hineingibst.
Dr. Edith Eger

Konzentriere dich also vor allen Dingen auf das, was du tatsächlich verändern kannst und nicht auf das, worauf du keinen Einfluss hast. Denn wenn wir unsere Aufmerksamkeit zu dem lenken, was wir nicht beeinflussen können, haben wir das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren und gehen automatisch in die Angst.

Wenn wir uns aber auf alles fokussieren, was wir verändern können, aktivieren wir unsere Schöpferkraft und verändern so unsere Emotionen in der Gegenwart. Denn worauf du auf jeden Fall immer einen Einfluss hast, ganz egal, was im Außen passiert, ist, was du in deiner inneren Welt passieren lässt und was nicht. Nur so kannst du mit leichtem Herzen und mit deiner ganzen Schöpferkraft Neues erschaffen. 

Ja, und", statt "Ja, aber". Darauf sollte man sich konzentrieren. Das ist sehr wichtig. Achte darauf, wohin dein Fokus geht. Das muss in Einklang mit deinem Ziel sein.
Dr. Edith Eger

Ich hoffe sehr, dass dich dieses Gespräch genauso inspiriert und du viel für dich mitnehmen kannst. Vielleicht spürst du diese Schöpferkraft und diese Hoffnung. Vielleicht erkennst du sogar etwas in deiner Vergangenheit, aus dem du etwas Kraftvolles erschaffen kannst.

Was hat dich am meisten berührt? Was nimmst du daraus für dich mit? Was möchtest du transformieren oder erschaffen?

Schreib mir gerne hier unter dem Beitrag oder in die Kommentare bei Instagram @lauramalinaseiler, wie dir diese Podcastfolge gefallen hat und was du für dich mitnehmen konntest.

Ich würde mich von Herzen freuen, wenn du diese Folge teilst, damit so viele Menschen wie möglich diese Botschaft hören und erkennen, dass wir uns immer für die Liebe und das Mitgefühl entscheiden können.

Links zur Folge:
Website: https://dreditheger.com/
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Instagram: https://www.instagram.com/dr.editheger/
Buch “Ich bin hier, und alles ist jetzt”: https://amzn.to/3mNpUHz
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Ich möchte Danke von Herzen sagen! Danke für all eure wundervollen Bilder, lieben Nachrichten und wertschätzenden Rezensionen zu meinem neuen Buch und ersten Roman “Zurück zu mir”. Ich kann es gar nicht in Worte fassen, wie sehr es mich berührt. Dass mein Roman direkt Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste wurde, bedeutet, dass meine Vision keine Vision mehr ist, sondern bereits Realität wird und Spiritualität in der Mitte unserer Gesellschaft ankommt und sich dadurch immer mehr Menschen öffnen, auch ihre eigene Spiritualität zu entdecken, zu leben und zu feiern. Und das alles ist möglich – auch dank dir und weil du diesen Weg bereits gehst.

 

Rock on & Namasté

Deine Laura

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2 Kommentare
  • Mechthild Sachsenweger Posted at 13:59h, 14 Oktober Antworten

    Danke für dieses unglaubliche Interview – es hat mein Herz zutiefst berührt und mir laufen nun die Tränen …
    ich denke „Petty“ meint nicht Mitleid, was bedeuten würde sich übe Jemanden zu stellen, sondern Mitgefühl- worum es immer geht um zu vergeben in Liebe und Frieden zu finden.

  • Nicole Schindler Kaul Posted at 11:35h, 14 Oktober Antworten

    Vielen tiefen herzlichen Dank für dieses kraftvolle Interview. Ich bin unglaublich dankbar es jetzt gehört zu haben. Gerade in der aktuellen Zeit ist es für morgen ch so wertvoll diese Worte zu verinnerlichen…. gerade dann, wenn ich meinen Fokus am verlieren bin. Das stärkt mich und unterstützt mich und lässt mich positiv die Zukunft gestalten! Aus tiefen Herzen : Dankeschön 🙏🏼🙏🏼🙏🏼

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